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 Schrauberkurs für Fortgeschrittene

Christian Marx

Anfang Juni traf sich ein sprichwörtlich "europäisches" Team bei Daniel Eberli in Benken nahe Schaffhausen zu einem Oldtimer Schrauberkurs.

Jan, Heiner, Andreas, Peter, Gerd, Oliver und Christian stellten ein Deutsch-Schweiz-Luxemburg-Team dar, das die herausfordernde Aufgabe hatte, einen Citroën Traction Avant Berline Légère Baujahr 1952 aus belgischer Produktion in Forest bei Brüssel mit Teilen und Interieur eines englischen Traction einmal auseinanderzunehmen und anschliessend auch wieder zusammenzubauen.

Reparaturkurs

Das ursprüngliche Ziel bestand darin, eine Lamellenkupplung einzubauen. Nachdem wir den Motor ausgebaut hatten, stellten sich allerdings andere Herausforderungen. Die Kupplung war trotz ihrer 35 Jahre noch fast wie neu, was für reichlich Erstaunen sorgte, denn es ist ein Rätsel, wie so etwas möglich ist.

Der Besitzer war der Meinung, dass der 11er etwa 20'000 km in 35 Jahren zurückgelegt hatte. Es war allerdings eine Schätzung. Wahrscheinlich eine Fehleinschätzung.

Also entschieden wir uns, die Kupplung so zu belassen, wie sie war. Einmal aus- und einbauen und später noch einmal, weil es so viel Spass machte.

Allerdings kamen wir zu dem Schluss, die Kette und die Kreuzgelenke zu wechseln. Wir waren wirklich naiv zu denken, zum nächstgelegenen Traction-Teilehändler fahren und dort die erforderlichen Teile abholen zu können. Weit gefehlt, denn es war nämlich das Wochenende der Citromobile in Holland und alles was Rang und Namen im Citroën Gewerbe hatte, nahm die A61 "unter die Achsen" und düste gen Norden Richtung Holland.

Reparaturkurs

Diese Arbeiten blieben somit leider unerledigt und es wird wohl ein anderer Schrauberkurs notwendig sein, um Kette und Gelenke zu wechseln. Das nächste Mal lässt sich der Motor sicherlich schneller ausbauen, nachdem wir uns bereits in diesem Schrauberkurs im Detail mit jedem einzelnen Schräubchen intensiv beschäftigt haben.

Wir verbauten alle Neuteile, derer wir habhaft werden konnten - Silentblöcke, Dichtungen jeder Art, Dekoteile.

In einer Riesenaktion dichteten wir die Motorwanne ab. Jan und Heiner haben dies neulich einer VW Vertretung überlassen - wohl in der Annahme, dass die "Ur-Traction-Schrauber" der frühen 70er Jahre des letzten Jahrhunderts alle vom Käfer herkamen und damals nach etwas Abwechslung suchten.

Bei unserer Abdichtung der Motorwanne ging es vornehmlich darum, eine Gummidichtung vorne und hinten jeweils in eine schmale Nut zu zwingen und am Anstoss mit einer Korkdichtung zu verbandeln. Eine Fraktion der Experten sagt "nur nicht abschneiden". Wir gehörten zu der anderen Fraktion und schnitten jeweils 2 cm ab. Bisher ist die Wanne dicht, aber der 11er hat seither auch kaum Distanz zurückgelegt.

Was auch immer wieder verwundert, ist die Vielfalt an Schrauben, Unterlegscheiben, Sprengscheiben und sonstigen Verbindungsteilen, die im Laufe eines Traction Lebens verbaut wurde. Es scheint fast so, als wurden in den letzten 80 Jahren systematisch alle Kleinteil-Vorräte in jeder Werkstatt weltweit ausgeräumt. Daniel half uns, jede Verbindung entweder DIN-gerecht oder wenigstens Citroen-gerecht wiederherzustellen.

Unser "Übungs"-Fahrzeug war fast 35 Jahre lang unberührt und präsentierte stolz seine 70er Jahre Modifikationen wie z.B. einen Anlasser mit Relais und Fernstartvorrichtung.

Die Elektrik war unsachgemäss angelegt und wurde etwas verbessert. Weitere Arbeiten sind noch zu leisten. Manche Massekabel sahen wie Schnürsenkel aus und die Anlasserkabel hatten nicht die vorgeschriebenen 50 Quadratmillimeter Querschnitt.

Auch sechs angehenden Oldtimer-Mechanikern unter Anleitung eines Oldtimer-Experten gelang es nicht, Restaurationssünden aus früheren Tagen an nur zwei Praxistagen zu beheben.

Reparaturkurs

Es hat viel Spass gemacht, ein altes Auto in 20 Stunden zu zerlegen und wieder zusammenzubauen. Nach diesem Kurs haben wir alle nun ein viel innigeres Verhältnis zur Mechanik unserer Oldtimer - mich erinnerte unser Kurs an das Buch des kürzlich verstorbenen Autors Robert M Pirsig über "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten"*).

Beseelt von einer ähnlichen Zen Erfahrung machten wir uns alle am Ende des Kurses auf den Nachhauseweg - in der Zuversicht, dieser Ikone des Automobilbaus etwas näher gekommen zu sein.

Danke Daniel für deine Geduld mit uns, danke für deine Bereitschaft, noch dies und das an der "Lady" zu machen, was bereits seit 35 Jahren überfällig war bzw. ist.

Danke auch für das kulinarische und vitikolarische Nebenprogramm in Benken, das wirklich hervorragend mit dem Kurs abgestimmt war. Diese drei Tage waren für uns alle ein perfektes Abschalten vom üblichen Alltagsbetrieb.

Zwischen den Kursteilnehmern entstand in den drei Tagen eine Freundschaft, die um den Traction herum hoffentlich weiter bestehen bleiben wird.

Ein gut eingestellter und gewarteter Traction hält auch noch 83 Jahre nach seiner Erstvorstellung im Strassenverkehr des Jahres 2017 problemlos mit.

*) Anmerkung des Kursleiters: Es lohnt sich, nach diesem Buch zu googeln…